Yingying Li:
Like Dew 如露 Like Lightning 亦如电 – I read the Diamond Sutra
Nach ihrem medienwissenschaftlichen Studium und mehreren Jahren als Fernsehredakteurin in Changsha verlagerte Yingying Li ihren künstlerischen Fokus zunehmend auf die Malerei. 2019 nahm sie ein Zweitstudium der Freien Malerei an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg in der Klasse von Prof. Susanne Kühn auf. 2024 absolvierte sie einen Erasmus-Aufenthalt an der Accademia di Belle Arti di Brera in Mailand.
Nach ersten internationalen Ausstellungsbeteiligungen war Yingying Li 2023 und 2024 bereits in der Reihe NUE NOW mit Arbeiten im Kunstraum des Konfuzius-Instituts Nürnberg-Erlangen vertreten.
Ihre jüngste Werkgruppe entstand im Kontext ihrer Abschlussarbeiten 2026. Unter dem Titel „Like Dew 如露 Like Lightning 亦如电 – I read the Diamond Sutra“ waren diese Arbeiten bereits in einer Sonderpräsentation der Absolvent*innen in der Bibliothek der AdBK Nürnberg zu sehen. Für diese Arbeit wurde Yingying Li mit der Auszeichnung zur Meisterschülerin geehrt.
Ihr künstlerisches Interesse gilt insbesondere der meditativen und kalligrafischen Dimension des Diamant-Sutras (金刚经). Dieser zentrale Text des Mahayana-Buddhismus (3.–5. Jh.) thematisiert die Überwindung von Illusion und die Praxis des Nicht-Anhaftens, indem er die Leerheit aller Phänomene betont. Für die chinesische Kalligrafie ist das Sutra in zweierlei Hinsicht von herausragender Bedeutung: Zum einen diente es durch manuelle Abschrift und steinerne Gravur als spirituelle Praxis – das Schreiben galt als verdienstvoller Akt der Meditation. Monumentale Zeugnisse reichen von der Felsinschrift am Tai Shan (6. Jh.) – dem sogenannten „Ursprung der großen Schriftzeichen“ – bis hin zum ältesten erhaltenen Druckwerk der Welt (868 n. Chr.). Zum anderen begründete das Sutra ein bedeutendes künstlerisches Erbe. Klassische Meister wie Wang Xizhi (王羲之, ca. 303–361) oder Liu Gongquan (柳公權, 778–865) schufen eigene kalligrafische Fassungen, die stilbildend wirkten. Auf diese Weise avancierte das Sutra über Jahrhunderte hinweg zu einem Medium der Synthese von religiöser Hingabe und kalligrafischer Meisterschaft.
Yingying Li überführt diese meditative Grundhaltung in einen malerisch-kalligrafischen Duktus, den sie auf großformatigen Bahnen aus Xuan-Papier und Seide entfaltet. Ihre zeitgenössischen Interpretationen münden in raumgreifende Installationen, die den Betrachter in ihren Bann ziehen.
„Während der sechs Jahre, die ich nun in Europa lebe, habe ich ein vertieftes Verständnis für Sprache entwickelt. Der beständige Wechsel zwischen verschiedenen Sprachsystemen und Denkweisen hat mein Interesse an Sprache und Kommunikation grundlegend geweckt. Für mich sind Sprachen weit mehr als bloße Verständigungsmittel – sie verkörpern distinkte Formen des Denkens, erfüllt von Harmonie, aber ebenso von Kontrasten und komplementären Bezügen. Sie vereinen heterogene Elemente und generieren auf diese Weise eine einzigartige Vielfalt. Diese sprachlichen Welten in meinen Gedanken zusammenzuführen und in abstrakter Malerei zur Anschauung zu bringen, ist ein fortwährend faszinierender Prozess.“
In ihrer aktuellen Werkreihe gelingt es Yingying Li, ein historisch vielschichtiges Sujet in die zeitgenössische Malerei zu überführen und innerhalb ihrer eigenen Bildsprache originär neu zu interpretieren.
Kuratiert von Ronald Kiwitt.
28. März – 25. April 2026
Vernissage: Freitag, 27. März 2026, 18 Uhr
Kunstraum des Konfuzius-Instituts Nürnberg-Erlangen, Pirckheimerstraße 36, 90408 Nürnberg
Öffnungszeiten: Mittwoch bis Samstag, 13–18 Uhr
Published: 03/18/2026


















