Die Fakten sind bekannt: nur 1 bis 10 Prozent der Künstler*innen können vom Verkauf ihrer Arbeiten leben, wobei es durch den Gender Pay Gap deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechter gibt. Was macht diese Information mit den Absolvent*innen der Kunsthochschulen?
Laura Kniesel hat Fotografie an der AdBK Nürnberg bei Prof. Katja Eydel studiert und 2025 ihren Abschluss als Meisterschülerin gemacht. In ihrer Diplomarbeit „Auf Antrag“ hat sie Räume fotografiert, in denen Kunst gelehrt, produziert und ausgestellt wird und die Institutionen festgehalten, in denen man als Künstler*in (z.B. als Lehrer*in oder Kunstvermittler*in) nach dem Studium arbeiten kann oder wo über Förderungen und Kunstankäufe entschieden wird. Sie beschränkt sich damit nicht auf den Kunstmarkt, wo mit Kunst traditionell gehandelt und Geld verdient wird, sondern zeigt diverse Einrichtungen, die die Realität des Künstler*innendaseins in ihrer ganzen Bandbreite darstellen – auf kommunaler, Länder- und Bundesebene. Der Sitz des Beauftragten für Kultur und Medien und die Räumlichkeiten des Berufsverband Bildender Künstler*innen in Berlin gehören ebenso dazu, wie das Kulturamt in Ingolstadt oder das dortige Kreativwirtschaftszentrum. In den Kommentaren zu den fotografierten Orten hält sie in nüchternem und knappem Ton fest, um was für Orte es sich handelt und welche Aufgaben sie erfüllen. Manchmal kommen historische Fakten hinzu oder Summen, über die sie verfügen oder die für sie ausgegeben werden.
Mit dieser Arbeit macht die Künstlerin eine Bestandsaufnahme ihres künftigen Arbeitsfeldes und unterzieht ihm einen Realitätscheck. Sie macht auf die Vielzahl an Institutionen und hohen Summen, die in die Ausbildung und die Förderung investiert werden ebenso aufmerksam wie auf die prekären Arbeitsbedingungen und die oftmals zeitlich befristeten Förder- und Raumnutzungsmöglichkeiten. Sie zeigt neben öffentlichen auch privatwirtschaftliche und selbstorganisierte Räume, und inszeniert die repräsentative Funktion von Kunst ebenso, wie sie die Kürzungen im Kulturbereich anspricht. Es ist eine Arbeit über die Produktionsbedingungen im Spannungsfeld von Bürokratie, Politik und öffentlichem Auftrag. Aber auch über das Arbeitsbedingungen einer Künstlerin, die zwischen künstlerischer Arbeit und Lohnarbeit pendelt, und zu deren Alltag das Vorbereiten von Ausstellungen, das Schreiben von Bewerbungen und das Unterwegssein auf Residenzen ebenso gehört wie das Kunstmachen.
Kniesels fotografischer Stil ist dokumentarisch-präzise. Hier wird nicht mit Effekten gehascht oder etwas dramatisch ins Licht gesetzt. Der Blick auf die von ihr festgehaltenen Phänomene ist ein kritisch-zugewandter. Sie will die Dinge offenlegen, aber nicht bloßstellen, weniger wertend kommentieren, als sie zum Weiterdenken zur Verfügung zu stellen. Das gelingt ihr, indem sie die Phänomene so aufnimmt, dass die Widersprüche für sich sprechen: Die herunterhängende Markise vor dem Atelierhaus ist ein Indiz für Vernachlässigung; der Getränkespender in der Bayrischen Senatskanzlei, der im Spiegel erkennbar ist, zeugt von der Banalität der Macht; das Swarovski Display im ehemaligen Kaufhausgebäude, das zwischenzeitlich für Ausstellungen und als Bühne genutzt wurde, zeigt wie nah Luxus und Prekarität beieinander liegen. Aufschlussreich auch, wo und was für Kunst an den verschiedenen Orten hängt (oder steht) und was für eine Funktion sie jeweils erfüllt – seien es die gerahmten Bilder im Arbeitsamt oder das Porträt einer Dame im altmeisterlichen Stil, der im funktionalen Sitzungszimmer der AdBK Nürnberg neben einem Pin-Board steht.
Laura Kniesel arbeitet oft in Serien und untersucht darin räumliche Situationen (wie leerstehende Zimmer bei allein lebenden älteren Damen), architektonische Strukturen (in Eigenheimsiedlungen und Planstädten) Eigenheim und soziale Verhaltensweisen (wie das Parkverhalten von SUVs). Neben Fotografien entstehen Videoarbeiten und Installationen und sind Beleg für ihre kontextsensible wie wandlungsfähige Arbeitsweise. Für „Mit freundlichen Grüßen“ hat Laura Kniesel ihre Fotoserie um die ortspezifische Arbeit „so hard for it, honey“ ergänzt – und für die Dauer der Ausstellung ihr Auto hier abgestellt. Es ist Dienstwagen und Transportmittel für die Künstlerin, die zwischen verschiedenen Arbeitsplätzen pendelt und nicht selten Dinge wie Bilderrahmen und ihre Fotografieausrüstung transportieren muss. Auf diese Weise fügt sie ihrem dokumentarischen Zugriff auf das Thema eine persönliche Note hinzu. „Meine Arbeit beginnt dort, wo ich selbst stehe: zwischen Lohnarbeit und Atelier, zwischen Antrag und Absage und der Logistik des Kunstmachens. Das Gefühl von Selbstausbeutung geht dabei paradoxerweise mit dem von Freiheit einher und genau in diesem Widerspruch bewege ich mich gerade. Ein System muss man verstehen und offenlegen, um selbstwirksam zu werden.“
Können Sie den Song She works hard for the money von Donna Summer hören?
- Dr. Anna-Lena Wenzel -
Mit freundlichen Grüssen
Laura Michèle Kniesel
bis 14. Juni 2026
28. Mai, 18 Uhr, Artist Talk mit Dr. Simone Schimpf, Neues Museum Nürnberg
Galerie im Stadttheater
Schlosslände 1
Veröffentlicht: 11.05.2026


















![man muss sich beeilen […] alles verschwindet […] Studierende der Klasse Prof. Maria Loboda im Kunstverein Nürnberg](/site/assets/files/24697/bildschirmfoto_2026-06-08_um_16_05_52.png)
