Mittwoch, 29. April, 17 Uhr
VortragMultifunktionsraum
Warum sprechen wir heute so häufig über Begriffe wie „Sexismus“, „struktureller Rassismus“, „Islamophobie“, „Trauma“, „Intersektionalität“, „Privileg“, „Diversität“, „Patriarchat“, „toxische Maskulinität“ oder „kulturelle Aneignung“?
In den vergangenen Jahren fanden Begriffe sozialer Gerechtigkeit vermehrt Einzug in öffentliche Debatten, Medien und Wissenschaft. Viele dieser Begriffe haben sich ausgeweitet und werden heute in deutlich mehr Kontexten verwendet als noch vor einigen Jahrzehnten (concept creep). Zugleich ist ihre Präsenz in Medien und Wissenschaft weltweit stark gestiegen.
Der Vortrag „Von der sozialen Gerechtigkeit über den Statuskampf zum Moralspektakel“ von Prof. Dr. Philipp Hübl geht der Frage nach, warum moralische Begriffe und Argumente heute eine so große Rolle im öffentlichen Diskurs spielen. Neben gesellschaftlichen Entwicklungen, steigenden Gerechtigkeitsansprüchen und den Dynamiken moderner Medien wird dabei auch ein kommunikativer Aspekt beleuchtet: Moralische Sprache kann in sozialen Konflikten, politischen Auseinandersetzungen und wissenschaftlichen Debatten eine wichtige Rolle für Reputation, Zugehörigkeit und Status spielen.
Im Mittelpunkt steht die Analyse moralischer Kommunikation als Teil sozialer Interaktion – ein Phänomen, das es historisch schon immer gab, das sich jedoch durch digitale Medien und soziale Netzwerke erheblich verändert hat. Dadurch entstehen neue Dynamiken in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit.
Unser moralisches Reputationsmanagement hat sich durch die digitale Kommunikation grundlegend verändert und führt immer häufiger zu Symbolpolitik, aktivistischer „Wissenschaft“ und anderen Formen eines Moralspektakels. Als Gegenentwurf schlägt Prof. Dr. Hübl moralische Bescheidenheit, evidenzbasierte Argumentation und radikale Selbstkritik vor. Der Vortrag lädt dazu ein, diese Entwicklungen kritisch, aber offen zu reflektieren und darüber zu diskutieren, wie eine konstruktive Debattenkultur aussehen kann.
Prof. Dr. Philipp Hübl ist Philosoph und Autor der Bücher „Die aufgeregte Gesellschaft“ (2019), „Bullshit-Resistenz (2018), „Der Untergrund des Denkens“ (2015) und „Folge dem weißen Kaninchen“ (2012) sowie von Beiträgen zu gesellschaftlichen und politischen Themen, unter anderem in der Zeit, FAZ, taz, NZZ, Republik, Welt, Frankfurter Rundschau, im Philosophie Magazin und Deutschlandradio.
Hübl hat theoretische Philosophie an der RWTH Aachen, der Humboldt-Universität Berlin und als Juniorprofessor an der Universität Stuttgart gelehrt und war 2020 Weizenbaum Fellow. Studium der Philosophie und Sprachwissenschaft in Berlin, Berkeley, New York und Oxford.
Philipp Hübl war Gastprofessor für Kulturwissenschaft und Philosophie an der Universität der Künste (UDK) Berlin und arbeitet seit 2024 als freier Autor.
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Bingstraße 60, 90480 Nürnberg


















